Rückblick auf die Archivwerkstatt 2014

Bachelorstudierende waren begeistert, ihr Blockseminar im 100. Jubiläumsjahr der Goethe Universität Frankfurt/M mit einem Besuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung zu verbinden und sich dort mit Themen der Jugendbildungsstätte und der Jugendburg Ludwigstein auseinander zu setzen.

24 Studierende hatten sich zur „Historischen Jugendbewegung und Reformpädagogik“ mit Referaten vorbereitet. Themen wie „100 Jahre Meissnerfest 1913“ oder auch „Willy Brandt als Repräsentant der Arbeiterjugendbewegung“ waren im Gepäck, als alle mit viel Neugier in Nordhessen eintrafen. Hier wurden wir bei bestem Sommerwetter auf der Burg von Stephan Sommerfeld begrüßt und bei einem abendlichen „history trekking“ rund um den authentischen Burgberg mit der Geschichte und Gegenwart der Jugendburg und des Deutschen Wandervogels vertraut gemacht. Als jugendbewegtes highlight des 1. Abends wurde das Zusammentreffen mit dem kanadischen Enkel des „Friedensvertreters Hans Paasche“ bei der neu gepflanzten Linde, die Vita des Meissnerfahrer und Weltkrieg I Veteranen als Geschichte des 20. Jahrhunderts kennengelernt zu haben, in der Abschlussrunde besonders gewürdigt.  Hier kamen die Studierenden auf Tuchfühlung mit der Geschichte der Jugendbewegung, welche die Generationen des 20. Jahrhunderts in zwei Weltkriegen und später als Abgesang auf den Nationalismus und als Neubeginn in Europa prägte.

Die Studierenden gingen unter Leitung von Dr. Susanne Rappe-Weber ins Archiv der Devotionalien mit Wimpeln, Knoten bis hin zum großen Fundus der Singebewegung im 20. Jahrhundert. In mehreren Arbeitsgruppen befassten sie sich mit Neugier und Interesse mit den Akten sowie dem noch gerade in der Erschließeng befindlichen Fotonachlass des Jule Groß,  einem Dokumentaristen der Jugendbewegung. Schließlich ging es hier auch um den späteren ersten Wirtschaftssoziologen Franz Oppenheimer, der als großer Redner der jüdischen Jugendbewegung 1923 auf dem Erinnerungsfest zehn Jahre nach dem Meissnerfest als engagierter Redner gegen den Antisemitismus auftrat. Die Studierenden hatten Franz Oppenheimer in einer großen Ausstellung der Goethe Universität zu seiner Professur in der Weimarer Republik unter dem Titel „Liberaler Sozialist, Zionist, Utopist“ bereits studieren können und gingen nun im Archiv dessen Spuren nach.

Im Kontakt mit Annemarie Selzer von der Jugendbildungsstätte diskutierten die Studierenden die großen Etappen des 20. Jahrhunderts in der Frauenemanzipation, der koedukativen Pädagogik und der Anerkennung der geschlechtsdifferenzierten Lebensformen, zu denen die Jugendbewegung ihren wichtigen Beitrag lieferte. Im Fokus stand an diesem Vormittag der vorbildlich wirkende Arbeitskreis „Schatten der Jugendbewegung“, der sich mit den Folgen des „untergegangenen Mythos“ des Pädagogischen Eros aus der Sicht persönlicher Zerstörungen nach sexuellem Missbrauch in Reformschulen und Internaten befasst. Zu weiteren aktuellen Neubewertungen in der Konfrontation mit rechtsextremistischen Verdachtsmomenten und einer zu wenig reflektierten Offenheit gegenüber nationalen Traditionen sowie einer unterentwickelten Streitkultur gegenüber rechtsterroristischen Gefahren nach den NSU-Morden meldete sich Stephan Sommerfeld mit der neu zu rahmenden Aufgabe der politischen Jugendbildung für Jugendliche, die in der globalisierten Gesellschaft der Europäischen Union aufwachsen, bei den Studierenden engagiert zu Wort.

Nach einer sportlichen Einlage und Zweiburgenwanderung zwischen Burg Ludwigstein und dem Hanstein hin und zurück würdigten die Studierenden am Schluss des Blockseminar diesen Ort als große Leistung der lebendigen Jugendarbeit, welcher mit der Archivarbeit und in der Praxis als ein beeindruckendes Beispiel für Professionalität erlebt wurde. Das Singen des alten Liedgutes in jugendbewegten Nächten wurde schließlich als krasser Gegensatz zur universitären Befassung mit der Geschichte von Jugendarbeit skizziert. Wer bisher nichts vom Wandervogel gehört hatte, zeigte sich tief beeindruckt von der Historie und vielen emanzipativen Wirkungen auf die Pädagogik des 20. Jahrhunderts. Die Studierenden zeigten sich begeistert vom Enthusiasmus der Bundesfreiwilligen und brachten ihre volle Anerkennung und Bewegtheit bei der Schlussrunde im tollen Enno Narten Bau mit den Worten zum Ausdruck: „Vielen Dank für die Tage auf der Jugendburg. Es war richtig, richtig schön!“ Genauso soll es wieder werden beim nächsten Studienaufenthalt. (Dr. Manfred Wittmeier)

Weitere Informationen
Jugendbildungsstätte Ludwigstein
Stephan Sommerfeld
Tel.: 05542-501731
E-Mail: stephan.sommerfeld@burgludwigstein.de